Zur äußeren mikroskopischen Anatomie einer Rückenstrichgarnele

und der Vergleich mit einer in der Literatur beschriebenen Art

Werner Klotz





In der Artendatenbank www.wirbellose.de/arten.html werden unter der Bezeichnung "Rückenstrichgarnele" mehrere unterschiedlich gefärbte Tiere abgebildet und beschrieben.
Bei den einzelnen Artbeschreibungen wird meist erwähnt, daß Tiere aus unterschiedlichen Gewässern bzw. verschiedenen Aquarien unterschiedliche Färbungen aufweisen. Ja, selbst Tiere aus ein und der selben Zucht können vollkommen unterschiedliche Farben zeigen. Neben unscheinbar grauen Exemplaren werden grüngefärbte, rötliche, tintenblaue Tiere, solche mit allen Abstufungen von Brauntönen bis hin zu fast schwarzen Tieren beschrieben. Manche Tiere (vor allem ältere Weibchen) weisen breite Rückenstriche auf, bei anderen erscheinen diese unterbrochen, bei vielen Exemplaren fehlt ein Rückenstrich auch völlig. Die Unterschiede in der Körperfärbung dieser Tiere sind aber nicht nur auf züchterische Bemühungen zurückzuführen. Auch in der Natur gefangene Exemplare zeigen diese Vielfalt in der Färbung. Schöne Beispiele für unterschiedlich gefärbte Tiere sind auf einer japanischen Seite zu sehen. Die Farbe oder die Ausformung eines Rückenstriches ist für die Bestimmung einer Zwerggarnele also völlig nebensächlich, für eine Artunterscheidung nicht zu gebrauchen.

Um eine Art beschreiben zu können müssen die einzelnen Körperteile der Garnelen im Detail betrachtet und und die Abmessungen der verschiedenen Körperabschnitte in Relation zueinander gesetzt werden. Betrachten wir die Anatomie einer "Rückenstrichgarnele" einmal detailliert unter dem Mikroskop:


Schematischer Körperbau einer Garnele:
Garnelenschema
C Carpax, C1 Orbitalwinkel, C2 Pterygostomialwinkel, R Rostrum, A1 erstes Antennenpaar, A2 zweites Antennenpaar, AB Basis des ersten Antennenpaares, SC Scaphocerit, M3 3. Maxillipedenpaar, T Telson, U Uropoden, d Dactylus, p Propodus, cp Carpus, m Merus

Rostrum

Das wohl wichtigste und bekannteste Bestimmungsmerkmal bei den Zwerggarnelen ist die Form, die Bezahnung und die Länge des Rostrums. Bei unserem Tier reicht das Rostrum bis kurz vor das Ende des 2. Segmentes der Basis des ersten Antennenpaares. Das Rostrum ist leicht nach unten gebogen und auf der Unterseite konvex. Auf der Oberseite finden wir 16, auf der Unterseite 5 Zähne, die Spitze des Rostrums ist oben und unten unbezahnt. Die Rostrumformel (Zähne oben hinter der Augenhöhle + Zähne oben vor der Augenhöhle / Zähne unten) lautet: 3+13/5

Stylocerit

Im Kopfbereich der Garnelen befinden sich noch weitere wichtige Bestimmungsmerkmale. Eines davon ist die Länge des Styloceriten (S). Bei unserem Tier reicht dieser bis kurz vor das distale (vom Körper wegweisende) Ende des 1. Antennenbasalgliedes.

Scaphocerit

Unterhalb der Basis des ersten Antennenpaares befindet sich ein lamellenartiger Fortsatz, der Scaphocerit. Dieser ist bei unserem Tier ca. 3,0 mal so lang wie breit und trägt an der Außenkante am distalen 1/3 einen starken Zahn.

Im Kopfbereich finden sich neben dem 2. Antennenpaar noch die Mundwerkzeuge und die sogenannten 3 Maxillipedenpaare. Diese Teile sind sehr komplex aufgebaut und nur mit viel Erfahrung zu präparieren. Obwohl diese Teile in manchen Fällen Hinweise für die Bestimmung eines Tieres liefern können, verzichte ich hier aus diesen Gründen auf eine Beschreibung.

Carpax

Zurück zum Carpax der Garnele. Der Vorderrand des Carpax verläuft nicht gerade, sondern formt mehrere Winkel und Zähne aus. Der Unterrand der Augenhöhle bildet den sogenannten Orbitalwinkel (C1), der in unserem Fall in einen Zahn, den sogenannten "orbital spine" übergeht. Der Übergang von der Vorder- zur Unterkante des Carpax wird als Pterygostomialwinkel bezeichnet. Hier ist der Winkel stumpf bis rechtwinklig und trägt einen deutlichen Zahn. Ein solcher ist bei Zwerggarnelen nur bei wenigen Arten zu finden und hat bei unserer Garnele zum wissenschaftlichen Artnamen geführt.

1. Schreitbeinpaar

Das erste Schreitbeinpaar trägt Scheren mit familientypischen "Pinseln". Diese sind geschaffen um vom Untergrund organisches Abbaumaterial und winzige Aufwuchsorganismen abzustreifen. Ungeeignet sind solche Scheren um dickere Algenfäden abzuzwicken oder für eine räuberische Lebensweise. Berichte, nach welchen Caridina Garnelen gesunde Fische überfallen und und teilweise aufgefressen hätten, sind als Ammenmärchen zu bezeichnen. Es ist aber durchaus möglich, daß diese Tiere sich ablösende Schuppen und Schleimhautteile von erkrankten Fischen abweiden.
Die Scheren sind 2,0 mal so lang wie breit, der bewegliche Finger (Dactylus)(d) 3,3 mal so lang wie breit und leicht länger als die Handfläche (Palm)(P). Das nächste Beinglied, der Carpus (c) ist 1,5 mal so lang wie breit und etwa 1,1 mal so lang wie die Handfläche.Im distalen Bereich ist der Carpus mäßig eingekerbt. Der Merus (m), das nächste Beinglied ist 2,2 mal so lang wie breit, in etwa gleich lang wie der Carpus.

2. Schreitbeinpaar

Das 2. Schreitbeinpaar trägt ebenfalls Scheren, ist insgesamt aber schlanker als das erste. Die Scheren sind 2,5 mal so lang wie breit, der Finger 1,3 mal so lang wie die Handfläche und 4,1 mal so lang wie breit. Der Carpus ist schlank, 1,2 mal so lang wie die Scheren und 4,5 mal so lang wie breit. Der Merus ist 4,5 mal so lang wie breit und etwa gleich lang wie die Scheren.

3. Schreitbeinpaar

Das dritte und vierte Schreitbeinpaar ähnelt sich wieder und trägt anstelle der Scheren einen krallenbewehrten Dactylus (d). Dieser ist etwa 3,6 mal so lang wie breit, trägt 2 starke Endkrallen und 6 nach hinten kleiner werdende Krallen an der Hinterkante. Der Propodus (p) ist ca. 13 mal so lang wie breit, 4,5 mal so lang wie der Dactylus, leicht gebogen und trägt mehrere kleine Borsten an der Hinterkante.

5. Schreitbeinpaar

Beim 5. Schreitbeinpaar ist der Dactylus (d) kammartig ausgebildet mit ca 45 Borsten an der Hinterkante. Der Propodus (p) ist schlank, 12 mal so lang wie breit, 4 mal so lang wie der Dactylus.

Schwimmbeine

Die nächsten taxonomisch wichtigen Details finden wir bei den Schimmbeinpaaren. Während diese bei weiblichen Tieren alle ähnlich gebaut und zur Artzuordnung nicht verwendbar sind, finden wir bei männlichen Tieren hier die nach dem Rostrum wichtigsten Bestimmungsmerkmale.
Das Endopod, also der innere Ast des gegabelten ersten Schwimmbeines, weist bei den meisten Arten eine arttypische Ausformung auf. Das 2. Schwimmbeinpaar des Männchens trägt neben Exopod und Endopod noch das sogenannte Appendix masculina, einen Teil der äußeren Geschlechtsteile und bei den meisten Arten noch einen kleinen Appendix interna.

Endopod Neocaridina Endopod Caridina

Das Endopod (En) des 1. Schwimmbeinpaares beim Männchen ist distal stark birnenförmig erweitert und trägt im basalen Bereich einen kleinen Appendix interna (ai). Der distale Bereich des Endopods ist dicht mit winzigen Dornen besetzt. Das Verhältnis von Länge zu Breite beträgt in etwa 1:1. Das Exopod (Ex) ist länglich, blattförmig ellyptisch wie bei allen Arten der Gattung (linkes Bild). Die birnenförmige Ausformung des Endopods ist typisch für jene Arten, die von Kubo 1938 als Gattung Neocaridina von der Gattung Caridina abgetrennt wurden. Als weiteres gattungsspezifisches Merkmal gilt der im basalen Bereich entspringende A. interna. Bei der Gattung Caridina (rechtes Bild, Bienengarnele) ist das Endopod länglich blattförmig ausgebildet, distal oft verschmälert und der A. interna entspringt, falls vorhanden, nahe dem distalen Ende des Endopods.

Schwimmbein1

Beim Weibchen ist das Endopod des ersten Schwimmbeinpaares länglich zugespitzt geformt, der Außenrand trägt einen breiten Borstensaum, der Innenrand ist glatt, mit ein paar kleinen Dornen im verdickten Bereich.

Ei

Die Eigröße der Weibchen im Augenpuktstadium beträgt ca. 1,1*0,6mm

Schwimmbein2

Am 2. Schwimmbeinpaar des Männchens erkennen wir einen sackförmigen, distal und an der Innenseite dicht bedornten Appendix masculina (am), der etwa bis zur halben Länge des Endopods reicht. An der Innenseite des A. masculina ist der Appendix interna (ai) klar erkenbar, dessen Länge etwa 1/3 des A. masculina beträgt.

Schwimmbein3

Die Schwimmbeinpaare 3 bis 5 sind bei beiden Geschlechtern gleich geformt und für die Bestimmung ohne weiteren Wert. Exopod und Endopod sind länglich blattförmig ellyptisch mit breiten Borstensäumen. Das Endopod trägt einen kleinen Appendix interna.

Schwanzfächer

Der Schwanzfächer besteht aus den beiden Uropoden (U) und dem Telson (T). Er dient der Garnele zum blitzschnellen Rückwärtsschwimmen in Fluchtsituationen. Sowohl Uropoden als auch der Telson tragen wichtige Bestimmungsmerkmale.

Uropoden

An den Uropoden interessiert uns vor allem die sogenannte "uropodal diaresis", eine Art Falte in den Exopoden (UD). Diese ist mit einer Anzahl von Dornen bewehrt. In unserem Fall mit 14 Stück.

Telson

Der Telson trägt an der Oberseite 2 Reihen mit je 5 Dornen, die konvex gebogene Hinterkante trägt 5 Paar lange Dornen, das seitliche Paar ist am längsten, das nächste am kürzesten, die inneren Paare etwas kürzer als das äußere. An der Oberseite der Hinterkante befindet sich ein winziger Mittelzahn, welcher am Bild jedoch nicht erkennbar ist. Generell ist die Bedornung des Telson bei meinen Tieren aber sowohl in der Länge als der Anzahl der Dornen sehr variabel.

Nachdem die Garnele aufgrund der Form des Endopods des ersten Schwimmbeinpaares der Gattung Neocaridina zugeordnet werden kann, ist eine Zuordnung zu einer Art auch nicht mehr besonders schwierig. Anders als bei der Gattung Caridina, wo bisher ca. 180 Arten wissenschaftlich beschrieben worden sind, werden zur Gattung Neocaridina nur wenige Arten gezählt.
Über Form und Bezahnung des Rostrums sowie den deutlichen Zahn am Pterygostomialwinkel kommen wir beim Vergleich mit den wissenschaftlich beschriebenen Arten schnell zu Neocaridina denticulata. Auch die Längenverhältnisse der Körperanhänge entsprechen den Angaben in der Literatur. Von dieser Art wurden bislang 7 Unterarten wissenschaftlich beschrieben, die sich in Länge und Bezahnung des Rostrums, den Grad der Einkerbung des Carpus des ersten Schreitbeinpaares und dem Verhältnis von Länge und Breite des Endopods des 1. Schwimmbeinpaares der Männchen unterscheiden. Diese Aufteilung ist wissenschaftlich aber noch umstritten. Wenn man möchte, ist unsere Garnele am ehesten der Unterart N. denticulata sinensis zuzuordnen.

Bei den gezeigten Garnelen handelt sich um Nachkommen von 4 Exemplaren aus der Zucht von Werner Krafczyk, welche ich von ihm auf dem ersten d.r.t.a Südtreffen erworben habe. Inwieweit meine Garnelen mit den als A4,A5,A6,A7,A16,A17a-c bezeichneten Formen, aber auch der mehrmals als N.denticulata beschriebenen Fire-Zwerggarnele (A20) übereinstimmen, kann nur durch einen Vergleich der mikroskopischen Anatomie geklärt werden. Da ich diese Formen oder Arten bei mir nicht halte, bin ich hier an die Mithilfe der AGW Mitglieder und anderer Garnelenhalter angewiesen. Die Garnelen aus den Zuchten von Klaus Haber, Doris Widtmann bzw. Johannes Jatschka konnte ich bereits dieser Art zuordnen.

Literatur:

RA Englund, Bishop Museum Occasional Papers: No.58,1999 The occurence and description of Neocaridina denticulata sinensis (Kemp,1918) (Crustacea: Decapoda: Atyidae), a new introduction to the Hawaiian Islands
MS Hung, J. of Crustacean Biology, 13(3): 481-503, 1993 Aytyd shrimps (Decapoda: Caridea) of Taiwan, with descripitons of three new spicies
I.Kubo, J. Imp. Fish. Inst. Tokyo 33:67-100,1938 On the Japanese atyid shrimps
http://www.aecos.com/CPIE/inv_08.html
http://www.aecos.com/CPIE/Caridea.html

Text und Fotos: Werner Klotz

© W. Klotz, 20.6.2003