Die "Rotrücken- oder Nektarinengarnele" [A4] und ähnliche "Arten"

Zur Bestimmung der als [A4], [A23] und "Salt&Pepper" bekannten Tiere

© Andreas Karge & Werner Klotz - Februar 2005

Seit etwa 2001 sind sehr markant gefärbte Zwerggarnelen als "Rotrücken- oder Nektarinengarnelen" [A4] bekannt. Die Färbung beruht hier allerdings nicht auf einer ganzheitlichen Körperzeichnung, sondern auf im Innern der Tiere vorhandene kräftig orangene Einlagerungen von kugeliger oder ovaler Gestalt, auf die wir im gesonderten Artikel [Warum haben die "Rotrücken" [A4] rote Rücken?] eingehen werden.
Neocaridina cf. palmata [A4/A23]
Zunächst einmal soll uns die Frage beschäftigen, um welche Art es sich nun bei diesen Tieren handeln könnte. Freundlicherweise wurden von Kai A. Quante Nachwuchstiere zwecks Untersuchung zur Verfügung gestellt und auch einige zwischenzeitlich durch Aquarium Dietzenbach neu importierte Exemplare konnten untersucht und mit den Nachzuchten verglichen werden. Ebenfalls in die Untersuchung einbezogen wurden als
Foto 2: Endopod des 1. Pleopoden
"Marmorgarnele" [A23] bekannte Tiere sowie als "Salt&Pepper" bezeichnete Zwerggarnelen, beide gleichfalls durch Aquarium Dietzenbach importiert. Wie sich zeigen sollte, wurde nicht zu Unrecht vermutet, dass es sich um den "Rotrücken" sehr nahe stehende Garnelen handeln könnte.
Die meisten Zwergarnelen wurden bislang auf Basis ihrer Körperfärbung mit verschiedenen Trivialnamen belegt und leider recht kritiklos als eigene Arten angesehen. Nachdem sich in jüngerer Vergangenheit einige dieser "Arten" als Vertreter der sehr variablen Neocaridina denticulata (sinensis) erwiesen hatten, wurden zuerst die Endopoden der ersten Pleopoden (Schwimmbeinpaare) männlicher Tiere näher betrachtet.

Und richtig, auch hier fand sich die für die Gattung Neocaridina fast immer typisch rundliche bzw. birnenförmige Ausbildung des quasi als Begattungsorgan fungierenden Endastes des ersten Schwimmbeinpaares. Details in den Proportionen sowohl der Endopoden als auch des kleinen Appendix masculina weichen allerdings von Neocaridina denticulata (sinensis) ab.

Am unteren vorderen Rand des Carapax (Pterygostomialwinkel) findet sich der für viele Neocaridina-Arten typische Dorn, der hier aber nur sehr klein ausgebildet ist. Der Winkel selbst ist gerundet. Das gerade, schlanke Rostrum ist relativ kurz. Es reicht in der Regel bei männlichen Tieren bis zur Mitte bzw. bei weiblichen Tieren bis zum Ende des 2. Segmentes der Antennenbasis. Allerdings gab es auch (männliche) Exemplare, deren Rostrum nur bis zum Anfang des 2. Basissegmentes erreichten. Die vorgefundene Bandbreite der Rostrumformel lautet: 2-5 + 8-16 / 2-8.

Foto 3a/a: Rostrum / Orbital- und Dorn am Pterygostomialwinkel

Das Telson trägt distal 8 Dornen, gelegentlich auch einen zusätzlichen unpaaren 9 Dorn wie im Foto. Hervorzuheben wäre dabei, dass das vorletzte Dornenpaar etwas kürzer als die übrigen ist. Der Telsonrand ist konvex ausgebildet und trägt oft einen kleinen Mittelzahn. Dorsal trägt das Telson 4-5 Dornenpaare, zuzüglich dem äußeren Dornenpaar am dorsalen Rand.
Die Uropodenfalte, eine kleine Schuppe am Schwanzteil (Uropodial diaresis), trägt 11-17 Dornen, meist sind es 14 Dornen.

Foto 4a/b: Uropodial diaresis und Telsonrand

In allen bisher untersuchten Merkmalen stimmen die "Rotrückengarnele" [A4] und die "Marmorgarnele" [A23] überein. Unterschiede wurden lediglich bei den Proportionen der ersten beiden Schreitbeinpaare (Peraeopoden) festgestellt. Die [A23] zeigt hier etwas gestrecktere Gliedmaßen, was sich im Verhältnis Dactylus/Propodus und Länge/Breite des Carpus auswirkt. Hier dürfte es sich aber um innerartliche Unterschiede zwischen Tieren aus unterschiedlichen Populationen oder Zuchten handeln und nicht um Merkmalsunterschiede zwischen zwei nahe verwandte Arten.
Die als "Salt&Pepper" bezeichneten Tiere unterscheiden sich im Vergleich mit der "Rotrückengarnele" [A4] durch deutlich weniger verbreiterte Endopoden an den ersten Pleopoden der Männchen. Allerdings waren die untersuchten Tiere relativ klein. Vergleicht man die Ergebnisse mit den Endopoden kleinerer Männchen der "Rotrücken" [A4], zeigen auch diese eine deutlich schwächere distale Verbreiterung, so dass dieser Unterschied auf das unterschiedliche Alter der Tiere zurückzuführen sein dürfte.
Foto 5: erstes Schreitbeinpaar (Peraeopod) [A4]
Werden die bisherigen Ergebnisse zusammengefaßt, handelt es sich bei allen untersuchten Exemplaren nach den morphologischen Merkmalen um eine gemeinsame Art, vermutlich aus verschiedenen Populationen oder Zuchten. Sowohl "Rotrücken" [A4], "Marmor" [A23] und "Salt&Pepper" sind demnach einer Art zuzuordnen.

Die Gattung Neocaridina wurde 1996 von Y. Cai einer grundlegenden Revision unterworfen. Viele der dort aufgeführten Arten kommen aufgrund des relativ kurzen Rostrms von vornherein nicht in Frage. Von N. denticulata sinensis unterscheidet sich die gesuchte Art in einem schwächer ausgeprägten Zahn am Pterygostomialwinkel, den wesentlich gestreckteren Endopoden der 1. Pleopoden (1,5-2,1 vs. 1,2 bei N.d.s.) und einem dickeren, oft keilförmigen Appendix interna den 1. Pleopoden. Durch das recht kurze Rostrum scheinen nur die Unterarten N. denticulata luoyangensis, eventuell N. d. zhoushanensis oder eine der bislang bekannten Unterarten von Neocaridina palmata für unsere Tiere in Frage zu kommen.Allerdings zeigen die untersuchten Tiere in der Regel ein doch etwas längeres Rostrum als für die beiden Unterarten von N.denticulata angegeben. Auch die Dornen am Uropodial diaresis ( 11-14 bzw. 11-13 vs. 11-17) deuten nicht unbedingt auf diese beiden Unterarten.
Als charakteristischstes Unterscheidungskriterium scheint daher ein bisher noch nicht erwähntes Körpermerkmal zu sein: der dicke und auffällig lange Appendix interna am Appendix masculina der zweiten Pleopoden. Der A. interna reicht bei den untersuchten Tieren oft knapp bis zum distalen Ende des A. masculina, bei jüngeren Tieren gelegentlich sogar darüber hinaus. Durch dieses Merkmal unterscheiden sich unsere Tiere von den meisten derzeit beschriebenen Arten. Auch für die beiden Unterarten N. denticulata luoyangensis und N. d. zhoushanensis wird von Y.Cai explizit ein schlanker Appendix interna angegeben, der nur eine Länge von 2/3 bzw. 3/4 des Appendix masculina erreicht.

Foto 6 a/b: Appendix interna am Appendix masculina der 2. Pleopoden [A4]

In dem engeren Kreis der möglichen Arten verbleibt also nur noch Neocaridina palmata (Shen, 1948) oder eine ihrer Unterarten.

Obwohl durch Kubo bereits 1937 die Gattung Neocaridina mit N. denticulata sinensis und N. d. koreana unter Angabe der damals bekannten Schlüsselmerkmale aus der Gattung Caridina herausgelöst wurde, beschrieb Shen seine Tiere als Caridina palmata. Als Herkunft der sieben Bestimmungsexemplare wurde Shapingpa im Gebiet Chungking/Provinz Guizhou angegeben. Die Art scheint aber ein weitaus größeres Verbreitungsgebiet zu besitzen. Für die Nominatform N. p. palmata gibt Y.Cai beispielsweise neben den chinesischen Provinzen Zhejiang, Hubai, Sichuan, Guizhou, Fujian, Jiangxi, Hunan, Yunnan, Guangxi und Guangdong auch Vietnam an. Innerhalb seiner Revision stellte Y.Cai unter anderem Caridina vietnamensis Dang 1967 bzw. Caridina denticulata vietnamensis Dang, 1975 zu Neocaridina p. palmata.Weiterhin ordnete er Caridina denticulata anhuiensis als neue Unterart zu Neocaridina palmata anhuiensis (Liang et al., 1984). Gleiches gilt für N. palmata ishigakiensis (Fujino & Shokita, 1974), die bis dahin als Caridina denticulata ishigakiensis bzw. Neocaridina ishigakiensis Shokita, 1979 bekannt war. Als gänzlich neue Unterart wurde letztendlich Neocaridina palmata bosensis Cai, 1996 beschrieben.
Das Verbreitungsgebiet der Unterarten ist leider nur recht grob bekannt. Das Vorkommen von N. p. ishigakiensis beschränkt sich auf die japanischen Ryukyu-Inseln. Für N. p. anhuiensis wird der Süden der namensgebenden Provinz Anhui angegeben und von N. p. bosensis ist nur der Fundort der Region Bose im Gebiet Longlin/Provinz Guangxi belegt. Folgt man Cai´s Angaben zur Herkunft, scheinen sich die Verbreitungsgebiete der Nominatform mit denen der Unterarten N. p. anhuiensis und N. p. bosensis zu überschneiden.
Glücklicherweise konnte mit Unterstützung von Aquarium Dietzenbach die Herkunft der "Rotrückengarnele" [A4] zwischenzeitlich geklärt werden.Die importierten Tiere stammen demnach aus der Gegend um Maixan und Meizhou in der südchinesischen Provinz Guangdong und leben hier in kleineren Bergbächen.

Abb 1: Fundorte von Neocaridina palmata, ihrer Unterarten und der "Rotrückengarnele [A4]

Aufgrund der Herkunftsangaben dürfte daher N. p. ishigakiensis auszuschließen sein. Die (chinesische) Literatur zu N. p. anhuiensis von Liang war leider bislang nicht verfügbar und auch die englische Zusammenfassung bei Cai ergab keine Hinweise auf den Körperbau dieser Unterart. Wichtig erscheinen daher Cai´s Hinweise zur Unterart N. p. bosensis und ihrer Unterschiede zur Nominatform.Er verweist dabei auf zwei wesentliche Unterscheidungsmerkmale: das kürzere Rostrum bis zur Mitte des 2.Segmentes der Antennenbasis und kleinen Zähnen sowie der runde Pterygostomialwinkel mit einem kleinen Dorn, der aber auch fehlen kann. Für N. p.pamata gibt Shen eine Rostrumlänge etwas über das 3. Segment der Antennenbasis bei weiblichen und nicht länger als das 3. Segment bei männlichen Tieren an. Seine Abbildung zeigt deutlich größere Zähne. Sehr interessant ist hier der Hinweis auf die innerhalb der Geschlechter unterschiedliche Rostrumlänge, der so kaum von anderen Arten bekannt ist, aber auch bei den untersuchten Tieren festgestellt wurde.
  • Rostrum schlank, gerade, leicht abwärts geneigt, bei allen Männchen bis zur Mitte AB2, bei allen Weibchen bis Ende AB2 reichend. Rostrumformel:2-5 + 8-16 / 2-8.
  • Pterygostomialwinkel gerundet bis breit gerundet mit winzigem Zahn.
  • Epipoden an Peraeopoden 1-4
  • Stylozerit bis ca. 70% 1. Segment Antennenbasis (AB1) reichend
  • Scaphozerit L/B 2,8-3,7
  • Scheren 1. Beinpaar L/B= 1,9-2,4, d/pP1=0,66-1,53, cP1 L/B= 1,28-1,95
  • dP3 mit 1 Endkralle (Weibchen) bzw. 2 Endkrallen (Männchen) und 4-7 Krallen an der Hinterkante
  • pP3 L/B= 6,7-9,0
  • p/dP3 = 2,7-3,7
  • EnPL1 mit langem basalen Teil, distal birnenförmig verbreitert,L/B=1,5-2,1, ai basal, kurz, bei älteren Tieren keilförmig
  • Appendix masculina (am) an PL2 verdickt mit langen Dornen, Appendix interna (ai) auffällig dick, bis knapp vor das distale Ende des am oder bis zu seinem Ende (bei einem jungen Tier darüber hinaus) reichend. ai über die widerhakenzone hinaus verlängert.
  • Uropodial diaresis (UD) mit 11-17 (meist 14) Dornen
  • Telson dorsal mit 4-5 proximalen Dornenpaaren und einem Paar dorsolateral, distal mit 8 Dornen, vorletztes Paar kürzer. Hinterrand konvex, meist mit winzigem Mittelzahn.
Übersicht der wichtigsten Körpermerkmale aller untersuchten Tiere

Fassen wir alle vorgefundenen Körpermerkmale zusammen und vergleichen sie mit den Informationen aus der Literatur, kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei allen untersuchten Tieren um Neocaridina palmata bosensis CAI, 1996 handelt.Die deutschen Trivialnamen "Rotrücken- bzw. Nektarinengarnelen" für die [A4], "Marmorgarnele" für die [A23] und auch "Salt&Pepper" haben sich in letzter Zeit eingebürgert und suggerieren verschiedene Arten. Sie werden sicher nur schwer durch einen neuen, einheitlichen Namen zu ersetzen sein. Am ehesten scheint noch die Bezeichnung "Rotrückenmarmorgarnele" [A4] für die farblich attraktiveren Tiere aus Maizou und "Marmorgarnele" [A4a] für die übrigen Tiere zu sein.

Text und Fotos: Werner Klotz & Andreas Karge

Wollen Sie wissen, warum die "Rotrücken" [A4] rote Rücken haben?, dann lesen Sie HIER weiter...

© Werner Klotz & Andreas Karge, 03.03.2005