
|
Interessanterweise finden sich diese Einlagerungen ausschließlich bei importierten Wildfängen. Alle Nachzuchtiere waren dagegen durchweg transparent gefärbt. Als Ursache wurde anfänglich vermutet, dass die Tiere am Fundort u.U. ein bstimmtes Nahrungsangebot vorfinden und infolgedessen Farbstoffe einlagern. Da diese (unbekannte) Nahrung im Aquarium nicht geboten werden kann, bleibt der Nachwuchs farblos. Ganz abwegig ist diese Annahme nicht, kann doch über bestimmte Futtergaben bzw. Zusätze die Ausfärbung zumindest bei einigen Arten durchaus in gewissen Grenzen intensiviert bzw. geringfügig gesteuert werden. Die wirkliche und überraschende Ursache der "roten Rücken" liegt jedoch woanders, auf sie wird jetzt intensiver eingehen werden.
Ausschlaggebend für den deutschen Trivialnamen waren ursprünglich die runden oder ovalen Körpereinlagerungen,
auch wenn diese nicht rot sondern eher intensiv orange gefärbt sind. Auch die etwas irreführende Bezeichnung
als "Nektarinengarnelen" trifft nicht so recht, der Ursprung liegt hier in der Verwechslung mit der als
Clementinen bekannten Frucht, was wohl der Begeisterung für dieTiere nach deren Erstimport geschuldet war. Auf eine gänzlich andere Ursache deutete ein Artikel über Bachflohkrebse als Zwischenwirte für Darmparasiten hin. Es handelte sich hier um Parasiten aus der Klasse der Kratzer (Acanthocephala), die gemeinsam mit den Rädertieren (Rotatoria), Fadenwürmern (Nematoda), Saitenwürmern (Nematomorpha), Hakenrüsslern (Kinorhyncha) und Bauchhaarlingen (Gastrotricha) den Stamm der Schlauchwürmer bilden, gelegentlich aber auch als eigener Stamm angesehen werden.
Die Möglichkeit des Befalls von Parasitenlarven als Ursache der Färbung schien also zumindest eher fraglich. Endgültige Klarheit darüber sollte eine Analyse der Einlagerungen bringen. Da die "Rotrückengarnelen" zur Artbestimmung ohnehin näher untersucht werden sollten, lag es natürlich nahe, sich diesmal neben den äußeren Körpermerkmalen auch das Innere der Tiere etwas intensiver anzuschauen.
Als Ausgangsmaterial dienten hier die erwähnten neu importierten Tiere. Das Ergebnis war recht eindeutig und trotz der Vermutung relativ überraschend. Die Einlagerungen erwiesen sich als eingekapselte Larven in zwei verschiedenen Stadien. Ein Vergleich mit Fotomaterial aus entsprechenden Puplikationen erbrachte dann eine recht große Sicherheit, dass es sich hier wirklich um Larven einer Kratzerart handeln könnte.
Nun wurde auch erklärbar, warum der Nachwuchs der "Rotrücken" stets farblos blieb. Im Aquarium fehlt den Parasiten einfach der notwendige Endwirt, in dem sie sich zum geschlechtsreifen Tier entwickeln und Eier produzieren können. Die Eier werden dann über die Ausscheidung des Wirtes abgesetzt und vom Zwischenwirt mit der Nahrung aufgenommen. Im Darm des Zwischenwirtes löst sich die Eihülle des Parasiten auf und die Larve bohrt sich durch die Darmwand bis in das offene Blutkreislaufsystem der Garnele, dem Hemocoel. Hier entwickelt sich der Parasit zum ersten Zwischenstadium, der Acanthella Larve. Diese beginnt sich einzukapseln und wird zum zweiten Stadium dem infektiösen Cystacanth. Nach Aufnahme des Zwischenwirtes
durch einen geeigneten Endwirt (Ente oder Fisch) stülpt der Cystacanth in dessen Verdauungstrakt seinen mit Wiederhaken versehenen Rüssel aus und heftet sich an die Darminnenseite des Endwirtes fest. Hier entwickelt er sich im Laufe mehrerer Wochen zum geschlechtsreifen Tier, welches die vom Wirt durch Verdauungs-fermente bereits aufgeschlossene Nahrung über die Haut aufnimmt. Da die Kratzer getrenntgeschlechtlich sind, sind zur Fortpflanzung männliche und weibliche Tier im Endwirt erforderlich. Interessant ist dabei, dass unbefruchtete Eier im weiblichen Tier zurückgehalten werden und nur die befruchteten reifen, schlank spindelförmigen Eier das Muttertier verlassen. Bezogen auf den Zwischenwirt wird bei Flohkrebsen beispielsweise berichtet, dass die mit Larven befallenen Tiere zeugungsunfähig werden. Dies konnte so bei den "Rotrückengarnelen" allerdings nicht beobachtet werden, da die Tiere sich durchaus als sehr vermehrungsfreudig zeigten. Andere Untersuchungen ergaben, dass die Zwischenwirte durch Abkapselung der Larven vermutlich versuchen, diese zu isolieren. Eventuell lösen die Larven die Verkapselung auch mit abgesetzten Botenstoffen durch den Zwischenwirt aus. Ob die Abkapselung letztendlich und ursächlich nun durch den Parasit oder den Zwischenwirt vorgenommen wird, kann hier natürlich nicht beurteilt werden. Zumindest werden bei diesem Vorgang bei einigen Kratzerarten die im Körper des Zwischenwirtes vorhandenen Carotine (Farbstoffe) am Kapselrand konzentriert und so die orangene Färbung hervorgerufen. Zweifelsohne bietet eine solche auffallende Färbung der Parasitenlarve deutliche Vorteile in freier Natur, da es die Chance deutlich erhöht, von einem geeignetem Endwirt aufgenommen zu werden. Wie bereits erwähnt, sind Atyiden als Zwischenwirte für Acanthocephalen aus der verfügbaren Literatur bislang nicht bekannt. Um die bei den Garnelen festgestellten Larven näher zu spezifizieren und damit eventuell den möglichen Endwirt festzustellen, wurden daher umgehend entsprechende Spezialisten zu Rate gezogen. Nach Informationen von Thorsten Walter (Uni Kiel) und Prof. Horst Taraschewski (Uni Karlsruhe) sind Atyiden als Zwischenwirte ebenfalls ein Novum. Es scheint sich hier vermutlich um eine noch unbekannte Art zu handeln. Leider sind die Kenntnisse über die Acanthocephalenfauna in China eher nur rudimentär. Die Identifikation der vorgefundenen Acanthocephala wird daher mit Sicherheit recht schwierig werden. Es wurde daher vereinbart, anhand von weiteren Importtieren genetische Untersuchungen vorzunehmen und über parallele Versuchsreihen beispielsweise Kormorane und Enten zu infizieren, um ausgewachsene Tiere der Kratzer zu erhalten. Über den Kot der infizierten Tiere soll weitergehend untersucht werden, ob beispielsweise europäische Atyiden wie Atyephyra desmaresti als Zwischenwirt dienen können und sich die Parasiten theoretisch auch außerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes ausbreiten könnten. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass neben der recht schwierigen und langwierigen nomenklatorischen Zuordnung einer aquaristisch sehr bekannten Garnelenart und der Recherche nach deren Herkunft auch die Ursache für die Differenz zwischen der markanten Färbung von Wildfängen und den eher farblosen Nachzuchten geklärt werden konnte. Das vorliegende Ergebnis konnte letztendlich aber nur durch die enge und länderübergreifende Zusammenarbeit von interessierten Aquarianern, Großhandel und wissenschaftlichen Institutionen ermöglicht werden.
Text und Fotos: Werner Klotz
& Andreas Karge
Literatur:
Wollen Sie wissen, was es zur Zur Bestimmung der als [A4], [A23] und "Salt&Pepper" bekannten Tiere zu sagen gibt, dann lesen Sie HIER weiter...
© Werner Klotz
& Andreas Karge, 03.03.2005
|